10
 Leseprobe Schreibstilratgeber I
schreibstilratgeber.com


Vorwort

Zum guten Stil eines Manuskripts, mit dem Sie sich die Eintrittskarte zu einer Literaturagentur oder einem Verlag verdienen möchten, gehört nicht allein eine brauchbare bis bravouröse Idee für eine Geschichte und deren spannende Umsetzung, sondern auch größtmögliche Fehlerfreiheit in Bezug auf Orthografie und Interpunktion neben der Vermeidung typischer stilistischer Fehler.

Zum Thema Schreiben eines (verdammt guten) Romans gibt es zahlreiche hervorragende Werke. Ein paar Empfehlungen finden Sie im Kapitel Dramakulitis.

Dieser Ratgeber soll nicht erklären, wie man Romanfiguren entwickelt, einen Spannungsbogen aufbaut, den Plot optimiert oder das Potenzial der Geschichte herausarbeitet, sondern den Text in Bezug auf Rechtschreibung, Zeichensetzung und Stil behandeln und helfen, altbekannte Schwächen wie Adjektivitis zu kurieren. Es handelt sich um ein Medizinbuch der besonderen Art, das den angestrebten Therapieerfolg unter anderem auf der Wahl modernster Behandlungsinstrumente unter Einbeziehung der neuen deutschen Rechtschreibung sowie Erfahrungswerten aus dem Korrektorat aufbaut.

Obwohl alle guten Verlage Ihrem Manuskript ein Lektorat und Korrektorat zukommen lassen, trägt im Vorfeld dennoch die von Ihnen abgegebene Fassung dazu bei, ob es überhaupt zu einem Vertrag kommt. Dabei spielen die hier behandelten Themen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Um die teilweise eher trockene Theorie praxisnah zu vermitteln, werde ich versuchen, dem hier und da mit ein wenig gleichartigem Humor zu begegnen, und hoffe, dass dieser Ratgeber Ihnen hilft, Ihr Manuskript mit allen erforderlichen Schutzimpfungen und Vorsorgeuntersuchungen zu versehen.

Hals- und Beinbruch wünscht Ihnen


Susanne Strecker



(Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Agenten oder Verleger.)



Adjektivitis (adjektivische Textadipositas)

 

Adjektive machen etwa ein Sechstel des deutschen Sprachschatzes aus. Man unterscheidet Eigenschaftswörter (qualifizierende Adjektive), Beziehungsadjektive (relationale Adjektive) und Zahladjektive (quantifizierende Adjektive).

Sie leiten sich mit Suffixen ab wie -bar, -en, -em, -haft, -ig, -los, -sam, -voll, mit Präfixen wie be-, ge-, -un, -um sowie durch Zusammensetzungen von Präpositionen, Substantiven und Verben.

 

aalglatt, besorgt, cremig, deutlich, elegant, faul, geduldig, harmlos, infam, jung, klug, langweilig, maßlos, neidisch, offen, praktisch, quietschend, rasend, sanft, teuer, umstritten, vage, wachsam, xenophobisch, zahllos – um nur einige Adjektive von A bis Z zu nennen. Auf der nachfolgend genannten Webseite finden Sie eine Liste mit Tausenden, die aber nicht alle in Ihren Manuskripten landen sollten …

http://de.wiktionary.org/wiki/Kategorie:Adjektiv_(Deutsch)

 

Adjektive dienen dazu, Gegenständen, Handlungen, Lebewesen, Zuständen usw. bestimmende Merkmale zuzuweisen. Die älteren unter uns kennen Adjektive noch als „Wie-Wörter“. Dieser Ratgeber soll allerdings nicht zur reinen Deutsch-Lehrstunde werden, deshalb verweise ich auf ein paar der zahlreichen Internetquellen, bei denen man nach Herzenslust sein Fachwissen vertiefen kann:

 

·         www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Adjektiv/index.html

·         de.wikipedia.org/wiki/Adjektiv

·         www.grammatikdeutsch.de/html/adjektiv-ubung.html

 

Für den guten Stil eines Romanmanuskripts gilt es, Adjektive an richtiger Stelle und aus der korrekten Sicht sparsam und gezielt einzusetzen und nicht wild damit um sich zu werfen.

Darüber hinaus erlebe ich während eines Korrektorats häufig, dass Verben mit einem Adjektiv verstärkt werden, die eine solche Unterstützung nicht nötig haben (Pleonasmus, unnötige Verdoppelung).

Beliebt sind Formulierungen wie:

 

·         laut schreien, laut brüllen

·         leise flüstern, leise schleichen

 

Über das „leise schreien“ könnte man diskutieren. Dudenkonform sagt das Wort „schreien“ allerdings aus, dass jemand laut, gellend, anhaltend oder aus Leibeskräften brüllt. Kann man Letzteres leise tun? Wie drückt man sich aus, wenn man sagen will, dass jemand einen „leisen Schrei“ ausstieß? Wie wäre es mit:

 

·         ein erstickter Schrei; ein leiser Klagelaut

 

Auch wenn der „leise Schrei“ vielleicht noch durchgehen mag – ist man sich gemeinhin beim lauten Schrei einig, dass zumindest hier das Adjektiv unnötig und nicht der letzte Schrei ist. Ebenso häufig stolpert man über Formulierungen wie

 

·         das kleine Schlösschen

 

Das Suffix „chen“ teilt bereits mit, dass wir es mit einer verkleinerten Form des Originals zu tun haben, mit einer Verniedlichung. Im hier genannten Beispiel ist das Adjektiv überflüssig.

Tiefer greifende, verständlich formulierte Informationen zu Adjektiven findet man häufig auch im Duden-Newsletter sowie imDuden Newsletter-Archiv, z. B. über die prädikative und attributive Verwendung von Adjektiven:

 

www.duden.de/deutsche_sprache/sprachberatung/newsletter/archiv.php?id=192

 

Auch wenn sich das nach Fachsimpelei anhört, es ist keine. Besonders dieser im vorgenannten Link benannte Newsletter aus März 2008 beschreibt anschaulich, welche Adjektive man grammatisch korrekt wo und wie einsetzen kann und darf.

Damit dieses Buch nicht den Umfang einer Universitätsbibliothek erhält, beschränke ich mich bezüglich weiterer Feinheiten darauf, nachfolgend ein paar interessante Links zu nennen.

 

·        Beugung des Adjektivs nach folgend

www.duden.de/deutsche_sprache/sprachberatung/newsletter/archiv.php?id=258

·        Feinheiten beim Gebrauch des Adjektivs original

www.duden.de/deutsche_sprache/sprachberatung/newsletter/archiv.php?id=248

·        Steigerbarkeit des Farbadjektivs

www.duden.de/deutsche_sprache/sprachberatung/newsletter/archiv.php?id=206

 

Naturgemäß scheint es jedem Autor in den Fingern zu kribbeln, der reizvollen Verführung von Adjektiven zu erliegen, um Sätze für den Leser so auszuschmücken, dass dieser sich ein erhofftermaßen exaktes Bild von dem macht, was der Autor mitteilen möchte.

 

Widerstehen Sie der Verlockung und halten Sie sich an die folgenden Regeln:

 

1.    Sparsamkeit bei der Anwendung von Adjektiven

2.    Gezielter Einsatz der passenden Adjektive an richtiger Stelle

3.    Keine subjektiven, behauptenden Eigenschaften

 

Vermeiden Sie möglichst den Einsatz von behauptenden, subjektiven oder wertenden Adjektiven: abscheulich, fantastisch, gut, herrlich, schlecht, schön usw.

 

Sicher kann man diese Adjektive nicht überall verhindern und manchmal sind sie auch passend, dennoch ist Vorsicht geboten. Oder können Sie sich etwas Konkretes unter

 

einer „guten Sicherheitsausstattung“ oder

einer „fantastischen Fernsehansagerin“ vorstellen?

 

Der Leser möchte wissen, was denn an dieser Ausstattung gut ist. Also zeigt man es ihm.

 

Diesem Luxusschlitten blieb nichts verborgen, als bevölkerte eine Armada Bodyguards in Miniaturform die Karosserie. Eine Infrarotkamera erfasste über Hunderte Meter außerhalb der Scheinwerferkegel verborgene Gefahren und warnte ihn auf dem Control Display vor einer möglichen Kollision. Diese Sicherheitsausstattung nannte Josef eine verdammt gute Investition. Seine Verfolger würden ...

 

Die „verdammt gute Investition“ ist hier übrigens subjektiv und das ist auch okay, wenn die Romanfigur Josef eine persönliche Meinung kundgibt, aber: Der Leser muss den Eindruck nachempfinden können und seine eigenen Bilder im Kopf projizieren. Die erreicht man am besten mit objektivenAdjektiven wie groß, klein, dick, dünn, heiß, kalt, hell, dunkel, trocken, nass …

 

Die Frau musste unglaublich viel wiegen. Sie war so grottenhässlich, dass Josef nach Luft schnappte. Auf ihren furchtbaren Beinen stampfte sie auf ihn zu, die schrecklich aufgerissenen Augen warnten ihn, dass sie es tatsächlich tun würde.

 

Mit sehr viel Fantasie hat man vielleicht ein Bild der Frau vor Augen, aber sieht es aus wie dieses?

 

Die Vorstellung, dass die kleine Frau vermutlich mehr als drei Zentner wog, ließ Josef nach Luft schnappen. Beine eines Elefanten stampften rhythmisch auf ihn zu, ihre Glupschaugen drohten, dass sie es tun würde. Sie begrub ihn an ihrer wogenden Brust und ... küsste ihn.

 

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen wertenden (subjektiven) und beschreibenden (objektiven) Adjektiven sowie deren Einsatz aus der Sichtweise der Figuren.


Martina Campbell, Schriftstellerin und Verlegerin, erklärt Nachwuchsautoren dazu:

 

Wertende Adjektive aus der Perspektive einer die Erzählung tragenden Figur

 

  • Verstört sah Maria ihn an.

 

Der Autor wertet die Situation für den Leser, damit dieser nicht allein denken muss. Meistens geht aus dem Text hervor, wieso die Person verstört schaut. Das Adjektiv ist überflüssig.

Weshalb ist das so? Eine Figur sagt etwas, das der Leser seltsam findet. Die andere Figur sieht die sprechende an und antwortet etwas.

Es ist nicht nötig, dem Leser zu sagen, dass Maria ihn „verstört“ ansah. Der Leser fühlt sich gegängelt, des Lesevergnügens beraubt, weil seine Fantasie ihm nicht das Buch erschließt, sondern der Autor Regieanweisungen gibt, wie er den Inhalt jetzt gefälligst zu verstehen hat.

Viel besser ist es, die tragende Figur nicht von außen zu zeigen (wie beim Film), sondern von innen (wie in einem Roman). Der Leser möchte viel lieber wissen, wie sich eine Figur fühlt, als zu sehen, wie sie wütend oder sonst wie handelt. Andere Beispiele aus diesem Zusammenhang:

 

  • Wütend drehte Maria sich um.
  • Josef grinste abwertend.
  • Josef lachte sarkastisch.
  • „Du kannst mich mal!“, sagte Josef wütend.
  • „Aber ich dachte, wir sind Freunde“, sagte Maria traurig.
  • „Machs doch selbst“, sagte sie schnippisch.

 

Das Ganze auf den Gipfel getrieben:

 

  • „Machs doch selbst“, sagte sie schnippisch, drehte sich wütend um und verließ mit energischen Schritten den Raum.

All diese Beschreibungen mit wertenden Adjektiven gehen nicht ans Herz. Sie lassen den Leser kalt, er erlebt das Geschehen nicht mit und fühlt auch nicht mit der wütenden Figur. Sie ist ihm egal. Er bekam ja nur einen äußerlichen Zustandsbericht vom Autor, kein seelisches Innenleben, keine inneren Beweggründe, also bleibt sie ihm fremd.

Auch kann man den Sarkasmus der Figur nicht spüren oder seine Arroganz beim abwertenden Grinsen, denn es fehlen die Emotionen. Adjektiven fehlt es immer an Emotionen, sie sind nur eine Zusammenfassung derer. Ein Oberbegriff für die jeweilige Emotion, die dadurch noch lange nicht fühlbar wird.

 

Alternativen für die handlungstragende Figur

 

  • Wut schnürte Maria die Kehle zu. Um nicht zu explodieren oder etwas Unbedachtes zu sagen, drehte sie sich um und ging. (Wir schauen in das Innenleben der Figur. Schon wird sie greifbarer für den Leser, nachvollziehbarer und persönlicher.)
  • Josef bedachte die Antwort mit einem Grinsen und wusste, dass es abwertend wirken musste, doch genau dies war seine Absicht. (Wir erfahren, wieso er das macht, etwas über sein Innenleben.)
  • Josefs Lachen klang selbst in seinen Ohren sarkastisch.
  • „Du kannst mich mal!“(Hier ist gar kein Anhängsel nötig, die Aussage spricht für sich.)
  • Maria schluckte die aufkommenden Tränen hinunter. „Ich dachte, wir sind Freunde.“
  • „Machs doch selbst.“(Auch hier ist keine Erklärung nötig.)

 

Man erkennt an diesen Beispielen, dass es den Autor mehr Worte kostet, sich besser auszudrücken. Aber nur ein fauler Autor greift auf wertende Adjektive zurück und verschenkt eine Menge wunderbarer Ausdrucksmöglichkeiten, einen eigenen, unverwechselbaren Stil und Charme.

 

Beschreibende Adjektive

(...)


Adjektive richtig einsetzen

(...)



Wissenswertes von A – Z

(...)

N

Nichts ist so überflüssig wie Pleonasmen

Mit diesem Fachbegriff bezeichnet man eine überflüssige Häufung sinnähnlicher oder sinngleicher Ausdrücke. Häufig findet dies Anwendung in der Werbesprache, in der man Ihnen ein „Gratis-Geschenk“ verspricht oder sich nach Ihrer Zufriedenheit zu der „gelieferten Sendung“ informiert. In der Schule unterrichtet man, dass der weiße Schimmel, der alte Greis und die kleinen Zwerge eine sprachliche Unmöglichkeit darstellen.

Bewegen Sie sich lieber im Bereich der Tautologie (griech. = Dasselbe-Sagen), um eine bewusste Verstärkung bestimmter Aussagen zu treffen. Der Grat, auf dem man wandert, ist dabei schmal, und überflüssige Häufungen sind unbeliebt. „Für immer und ewig“, „im Hier und Jetzt“, „voll und ganz“, „einzig und allein“ sind durchaus akzeptabel, vielleicht sogar noch das sorgfältige Abwägen, obwohl „abwägen“ bereits bedeutet, dass man etwas vergleichend/prüfend/genau bedenkt bzw. überlegt.

Vorsicht ist jedenfalls geboten bei Zukunftsprognosen (Prognose bedeutet bereits „Vorhersage einer zukünftigen Entwicklung“), bei warmen Thermalquellen (Thermalquelle = warme Quelle) oder wenn man Einzelindividuen (ein Individuum ist bekanntlich ein Einzelwesen) ständig über sich selbst (sich + selbst) nachdenken lassen, der Kommissar persönlich am Tatort erscheint, die Figuren ständig laut schreien oder sich für kurze Momente leider zu ihrem Bedauern kein Ton in die lautlose Stille schleicht. Auch der Austausch gegenseitiger Zärtlichkeiten könnte eher unangenehm sein.


(...)


Home
• Startseite
Informationen zu den Ratgebern

Band I
• Inhaltsverzeichnis
• Leseprobe
• Daten zum Buch
• Bestellung bei amazon.de

Band II
• Inhaltsverzeichnis
• Leseprobe
• Daten zum Buch
• Bestellung bei amazon.de

Band III
• Inhaltsverzeichnis
• Leseprobe
• Daten zum Buch
• Bestellung bei amazon.de
Über uns
• Susanne Strecker
• Stephanie Bösel
Kontakt
• Impressum
• Kontakt-Formular



© 2010 - 2017 IT-NetContent Cyprus • powered by secure.4reg.net