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 Leseprobe Schreibstilratgeber III
schreibstilratgeber.com


Aktiv schreiben, Passiv vermeiden

(Für einen umgfangreicheren Auszug der Leseprobe inklusive Grafiken klicken Sie bitte links auf das PDF-Icon)

Die beiden in der deutschen Sprache möglichen Handlungsrichtungen eines Verbs nennt man Genera verbi (Singular Genus verbi). In der Fachsprache bezeichnet man die Handlungsrichtungen als Aktiv und Passiv. Die deutsche Übersetzung dazu lautet Tätigkeitsform und Leideform – obwohl das Aktiv nicht immer eine (aktive) Handlung/Tätigkeit und das Passiv nicht immer ein Leiden/Erleiden ausdrückt.

Aktiv:

Maria streichelt die Katze. (Handlung/Tätigkeit)
Maria liebt die Katze. (keine Handlung/Tätigkeit)

Passiv:

Die Katze wird [von Maria] gestreichelt. (Handlung/Tätigkeit)
Die Katze wird [von Maria] geliebt. (keine Handlung/Tätigkeit)

rot=Subjekt (Wer oder was?), blau=Prädikat (Verb), grün=(Akkusativ-)Objekt

Tatsächlich zu unterscheiden sind Aktiv und Passiv durch die Blickrichtung auf den vom Verb beschriebenen Vorgang. Man betrachtet dabei das Agens=die treibende, wirkende, handelnde, tätige Kraft oder Person. Im Aktiv ist der Handelnde immer identisch mit dem Subjekt, während im Passiv der Handelnde in den Hintergrund rückt oder gar nicht genannt wird.

Aktiv/Passiv
Maria streichelt die Katze.Die Katze wird [von Maria] ge-streichelt.
Maria=Subjekt=Agens

Im Aktivsatz wird das Agens immer explizit genannt.Maria=Subjekt=Agens

Im Passivsatz rückt das Agens in den Hintergrund und kann sogar un-genannt bleiben.

Für das Aktiv gibt es nur eine Form. Das Passiv unterscheidet man in:
  • Vorgangspassiv, auch „werden-Passiv“ genannt.
  • Zustandspassiv, auch „sein-Passiv“ genannt.
Das Vorgangspassiv wird mit werden und dem Partizip Perfekt gebildet. Es beschreibt einen Vorgang, in dem der Handelnde in den Hintergrund gestellt wird oder weggelassen werden kann.

Das Zustandspassiv wird mit sein und dem Partizip Perfekt gebildet. Es beschreibt keinen Vorgang, sondern einen Zustand. Das Zustandspassiv schildert das Ergebnis eines Vorgangs – einen statischen Zustand. Der Handelnde ist unwichtig und wird meistens weggelassen.

Aktiv: Maria öffnet die Tür.
Vorgangspassiv: Die Tür wird geöffnet.
Zustandspassiv: Die Tür ist geöffnet.
Aktiv: Maria brät Schnitzel.
Vorgangspassiv: Die Schnitzel werden gebraten.
Zustandspassiv: Die Schnitzel sind gebraten.

Das Zustandspassiv kann meist vom Vorgangspassiv abgeleitet werden. Die Erwähnung des Agens fällt häufig weg, vom allem, wenn es sich um ein menschliches Agens handelt:

Aktiv/Vorgangspassiv/Zustandspassiv
Maria öffnet das Fenster./Das Fenster wird von Maria geöffnet./Nicht: Das Fenster ist von Maria geöffnet.
Die Polizei verhaftet Josef./Josef wurde von der Polizei verhaftet./Nicht: Josef ist von der Polizei verhaftet.
Ist der Verursacher der Handlung kein menschliches Agens, kann das Agens genannt werden, allerdings ist dann häufig kein Vorgangspassiv möglich, obwohl das Verb eigentlich passivfähig ist.

Aktiv/Vorgangspassiv/Zustandspassiv

Nebel behindert die Sicht./Die Sicht wird durch Nebel behindert./Die Sicht ist durch Nebel behindert.
Schnee bedeckt die Wiese./Nicht: Die Wiese wird mit/von Schnee bedeckt./Die Wiese ist mit/von Schnee bedeckt.

Die meisten Verben haben eine Akkusativergänzung und sind damit passivfähig. Von einigen Verben (ohne Aktion und reflexive Verben) kann kein Passiv gebildet werden, obwohl sie eine Akkustativergänzung haben. Z. B: bekommen, besitzen, haben, enthalten, kennen, kosten, sich putzen, wissen …

Aktiv/Passiv
Maria hat eine neue Katze./Geht nicht: Eine neue Katze wird von Maria gehabt.

Bestimmte, intransitive (nicht zum persönlichen Passiv fähige) Verben können nur ein unpersönliches Passiv bilden. Zum Beispiel: helfen, feiern, frieren, lachen, regnen, sprechen, tanzen…

Aktiv/Passiv
Gestern feierten wir lange bei uns.Gestern ist bei uns lange gefeiert worden.

Auch Aktivsätze ohne Objekt können in Passivsätze gesetzt werden. Man bedient sich des Personalpronomens es.

Aktiv/Passiv
Wir lachten viel./Es wurde viel gelacht.

Warum sollte man das Passiv vermeiden?

Sieht man sich die Beispielsätze an, kommt man schnell auf den ersten Minuspunkt. Die Passivsätze sind länger, weil man sie mit „werden“ oder „sein“ bildet. Außerdem werden sie in nicht ganz so kurzen Beispielsätzen komplizierter, der Leser hat Mühe, dem Sinn des Satzes zu folgen.
„Wir haben den Schnee gefegt“ ist kürzer und leichter zu verstehen als „Der Schnee ist von uns gefegt worden“.
Passivsätze sind zudem unbestimmter und unpersönlich. Oft wird der-jenige, der etwas tut, nicht genannt. Dies kann als besonderes Stilmittel absichtlich eingesetzt werden, um zum Beispiel einen Täter zu verschweigen, ansonsten sollte man solche Formulierungen vermeiden. Sie stellen kein wirkliches Geschehen dar, sondern wirken ängstlich, als fürchtete man sich, die Tatsachen zu benennen.
  • Es wird erzählt, dass die Vampire angegriffen worden sind.
Wer hat die Vampire angegriffen? Und wer erzählt von diesem Ereignis? Ist es nicht das, was der Leser erfahren will, die Spannung, der Konflikt? In diesem Beispiel kann man sich allerdings auch vorstellen, dass der Autor den Satz mit Absicht ins Passiv gesetzt hat, um eine andere Art von Spannung zu erzeugen.
  • Eine rasche Rücknahme kann von Maria nicht erwartet werden.
Diese Passivformulierung ist ziemlich ungenau. Kann Maria eine rasche Rücknahme nicht erwarten? Oder kann man von Maria nicht erwarten, dass sie etwas rasch zurücknimmt? In diesem Fall stiftet die Schreibweise im Passiv nur Verwirrung beim Leser.

Passivformulierungen sind:

Bei bestimmten Leidensvorgängen sollte man dennoch die Passivform ver-wenden. Die Hauptperson steht vorn. Im Aktivbeispielsatz ist es Maria, in den Passivformulierungen die Katze. Nehmen wir an, unser Vampir erzählt seinem Kumpel Josef, dass seine Tochter Maria von einer Katze schlimm gekratzt worden ist. Welche Formulierung würde der Vampirvater wählen?
  • Maria wurde von einer Katze gekratzt. (Passiv)
  • Eine Katze kratzte Maria. (Aktiv)
Hier wählt wahrscheinlich nicht nur der Vampirvater die passive Variante, sondern auch der sich des Stilmittels bewusste Autor. PDF-Datei downloaden

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